Lücke im Wald

Bilder von Christiane Bergelt im Kloster Chorin

Dort, wo sie herkommt, macht Kunst keinen Sinn. Das geht mir durch den Kopf, als wir gemeinsam zum Hirtstein laufen, im Erzgebirge, nahe der tschechischen Grenze. Es ist alles da, groß, sichtbar, und die Menschen leben mit dieser Direktheit, nehmen sie wahr, sind verbunden, mit dem Land, den Wolken, dem Wind. Einen Mittler braucht es nicht.

Es gibt gemalte Schilder, die den Fremden zu besonderen Orten weisen, aufmerksam machen, einladen – eine frühe Form, der Maler = der Schilderer. Das macht Sinn.

Dort ist Christiane Bergelt geboren, 1982, in Marienberg.
Aufgewachsen und zur Schule gegangen in Olbernhau.

Als ich nicht sah, wie ihre Kunst dort wachsen konnte, sagt sie: „ja, aber hast du nicht die Bäume gesehen“

Mit 19 geht sie in die Welt, studiert in Dresden kurze Zeit Philosophie und Germanistik, und als sich ihr Zimmer mehr und mehr mit Farben füllt, in Nürnberg an der Akademie der Bildenden Künste freie Malerei, bei Christine Colditz, lernt Grundlagen, die Linie zeichnen, die den Körper umschreibt, wirklich davon erzählt… lernt Yoga, in den eigenen Körper fühlen… in die Landschaft gehen und sehen, wieviele Farben da eigentlich sind in dem grün, eine starke Form von Disziplin… Geht nach Sardinien, dem Fußabdruck Gottes, Sassari…lernt italienisch, lernt drucken, kehrt zurück und weiß, es ist nicht das Zeichnen, nicht das Drucken, die Farbe ist’s.
Studiert bei Thomas Hartmann, wird Meisterschülerin. Gefühl ist auch Wissen, vertrauen üben, zur Welt hingewandt sein, sich zeigen. Und immer, gleich hinter der Hochschule, der Wald.

2009/10 einjähriges Masterstudium am Chelsea College of Art, London…dicht, gedrängt, voller Menschen, verschwindet der Mensch aus ihrer Malerei. … die Abschlußarbeit, 2,40 x 4,50 m, von unglaublicher Leichtigkeit, und ist doch nicht abstrakt, ist Ortsbeschreibung, kommt von etwas Konkretem - tief verwandt mit dem blau ( the soft animal of you body) hier.

Und dann, 2011, Chorin. Hier lebt sie im Wald und malt. Der Wald, ein Zimmer, zwei Hände, Farbe…

Sie erhält Stipendien, Arbeitsaufenthalte im Schloß Wiepersdorf, im Haus Lukas/Ahrenshoop, und mehrmals in Island, das Begreifen, der Mensch, die Figur…

2017 wurde Christiane Bergelt Preisträgerin des Nachwuchsförderpreises des Landes Brandenburg.

Was ist bewahrenswert

Bei Christiane Bergelt ist es immer auch der Mensch, in seiner Verletzlichkeit, seiner Versunkenheit, im Hier und Jetzt sein, die kostbaren Momente von Stimmigkeit in dieser Welt. ?Sie beginnt zeitig zu schauen, in den Bergen, allein, im Wald, mit ihrem Hund.
Und die wenigen Dinge, die’s braucht: den Wald, ein Zimmer, zwei Hände, Farbe.
Auch heute ist ihr Ort der Wald, mit der Lichtung, dem Specht, der zum Wassertrinken kommt, dem moosigen Boden, dem wandernden Licht, den Nadelbäumen, die die Sonne fangen, silbern, nadelweis, der dunklen Stille - ?ist dieser Ort die Lücke im Wald? Ist sie selbst die Lücke, die schaut?

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Formate, die hier gehen im Wald, gemalt in der Veranda, immer mit Blick auf den Wald, kein Himmel, haben etwas von der Dichte des Waldes. Große Ruhe und Konzentration, Lust im Atelier zu sein. Das Malen, das Schauen. Die sind nicht ausgedacht, sind ausgelöst durch große Verletzlichkeit, es ist aufregend sie zu zeigen.
Wie kann man diesen ganz persönlichen Zugang machen und doch nicht jedem seine Geschichte erzählen?
Dieses Berichten von etwas, das sie berührt hat, nicht das Konkrete, genauso war’s, sondern das Berührtsein, die Stille darin, das Offene, Wahrnehmende, Fühlende.
Das berührtwerden Zulassende.
Die Suche danach? Bericht geben davon?
Die Lücke, leerer Raum, das Nichtschonwissen, und auch dann nicht wissen.
So beim grünen Bild. Sie hat nicht gewußt, daß sie mal ein grünes Bild malen würde, nicht mal gedacht, daß sie das will, aber als es passierte, war sie ganz glücklich. Und natürlich würde sie gern ganz viele davon machen, und weiß, das passiert nicht, nicht zu machen.
Die Lücke – gelücke, altmittelhochdeutsch für Glück.
Sie mag, daß diese Bilder alle eine Gruppe sind, aber auch totale Einzeldinger, die für sich losziehen können. Sie sind aus einem Großen entstanden, sie waren tatsächlich mal eins.

Titel

Sie können fragen, was es heißt, können Antworten bekommen wie: purple lack Das ist die Farbe links oben und ein Gespräch machen in dieser Farbe, wär das nicht toll? ??Weil es ihr etwas bedeutet, etwas unfaßbares dahinter steht, anders nicht faßbar, vielleicht so greifbarer wird, kann es uns berühren. Die Kultur ihrer Farben, die Malhaut, ganz nah heran, weil mich gerade diese Stelle lockt, dieser Ton, die Faszination der Farbe.

Das sanfte Tier deines Körpers - diese Zeile aus „Wild Geese“ von Mary Oliver - „the soft animal of your body“, dein Körper, ein sanftes Tier. Es war das Blau, das sie weiter lockte – gehe ich ihm nahe fühle ich das blau, erkenne ich Formen wieder – dieses da – war das nicht die Madonna in der Blüte im vorigen Raum? Das gleiche blau? Weitergemalt? Wasser blau? Sonne im Meer? – sanft? Daß es darauf geschrieben steht – regt an, daß die Titel nicht daneben stehn – gibt Raum. Sie malt die Bilder in die Wände hinein, verzaubert den Raum, gibt uns von dem, was sie selber erlebte – der Körper ist es, der alles verbindet, sie, die Bilder, uns, den Wald.

Gesine Storck, Juli 2018

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Zwischen Gründen und Bildern.

Körper sind Gründe. Zünder um Bilder zu machen.
Papier ist der verletzliche Körper mit dem ich am häufigsten arbeite.
Jede Spur ist sichtbar. Die Bearbeitung mit Wasser, Grundierungen, Färbungen und Faltungen sind ein notwendiger Anlauf.
Der eigentliche Anfang.

Ich wähle aus der Fülle unterschiedlicher Farben, Pigmente und Binder.
Kratzig und voller schmierig–schlotziger Ölfarbe schiebe ich den Pinsel über ein
auf hartem Boden liegendes Papier.

Malerei bewegt mich. Mich bewegen Körper.
Wie sie sich begegnen. Wie sie sich zueinander verhalten und kommunizieren.
Wie sie allein sind.
Ich spiele mit. Ich setze auf Überraschungen im Arbeitsverlauf.
Intuition und Instinkt sind meine Begleiter. Am Boden hockend, kniend,
auf einem Bein stehend übersetze ich.
Sitzend schaue ich an, was auf dem Papier entstanden ist.
Ich gruppiere meine Arbeiten und widme mich mehreren Malgründen am Stück.

Während des Malens finde ich heraus worum es geht, was ein Bild ist.

Christiane Bergelt, Juni 2016


there there


Ein helles, wässriges Türkis überlagert grünliche und graue Farbschichten. In der Mitte entsteht eine Form, die unbestimmt und kaum greifbar ist. runterwärts, eine Papierarbeit der Malerin Christiane Bergelt, erforscht wie die meisten neuen Bilder der Künstlerin das Motiv des Wassers aus mehreren Perspektiven. Weniger in konkreter Repräsentation, als vielmehr durch eine Bezugnahme auf die natürlich, flüssige Bewegung, die sich wie in Heraklits Aphorismus Alles fließt, der Stagnation widersetzt.

Die Farbbereiche ihrer Malerei sind nicht fein geometrisch separiert, sondern sie fließen in andere Farben hinein oder laufen in der Leere des weißen Papiers aus. Wie Kleckse und grobe, ausgewaschene Tupfen malt Bergelt dünne Schichten von Wasser- und Ölfarben übereinander und schafft aus den Ebenen Vorder- und Hintergründe. Sie verwischt scharfen Trennungen und Linien; meidet strikte Grenzen in der Komposition ihrer Arbeiten; umgeht das Statische, indem sie ihre Papierarbeiten lose an der Wand befestigt.

Besonders deutlich werden diese spielerischen Maßnahme der Grenzüberschreitung in ihrer Serie loslaufen – einer Gruppe von sieben, trapezförmigen Papierarbeiten. In den kleinen Bildern setzt sie verschwommene Felder aus Moosgrün und Schwarz in Kontrast mit einem leuchtendem Weiß, das wie ein künstlicher Fremdkörper in einer ruhigen Moorlandschaft erscheint. Verhüllte, ikonographische Referenzen zur Natur und zu Wasserlandschaften finden sich ebenso in der Farbauswahl und dem Farbauftrag ihrer großen Papierarbeit Vornüber Auch dieses Bild bleibt in seiner Form unbestimmt und orientiert sich vielmehr an fernen Umrissen und Objekten. Der menschliche Körper ist, wie in vielen Arbeiten von Bergelt, vielmehr ein Anlass und Ausgangspunkt.

Die Ästhetik des Wassers taucht nicht nur in Titeln und malerischen Mitteln auf, sondern sie reflektiert auch den prozessualen Aspekt von Bergelts Arbeitspraxis: Die Künstlerin bestimmt die Anordnung, Farben und Formen ihrer Bilder meist intuitiv und als Reaktion auf verschiedene Vorgänge im Bild und dessen Umgebung. Ihre Pinselstriche setzen eine Suchbewegung fort, die Stimmungen aufspürt und mit jeder neuen Geste eine andere Richtung einschlägt.

Für den Katalog der Ausstellung there there kam ein Austausch mit der Lyrikerin Judith Nika Pfeifer zustande: Bergelt sendete Bilder Ihrer Arbeiten, einen Text aus G. Bachelards Poetik des Raumes, Fotos und Musik an Pfeifer, die ihre Eindrücke mit einer Auswahl von Texten beantwortete. Bergelt wiederum ordnete die Texte Stimmungen und vor allem ihren Bildern zu und experimentierte so im Dialog mit bewussten und unbewussten Entscheidungsprozessen. Die Reaktionen von Bergelt und Pfeifer sind deshalb keine Übersetzungen vom einen Medium ins andere, sondern sie schaffen etwas ganz eigenes: einen assoziativen Raum, der sich jeglicher Definition entzieht und nur als lyrische Abstraktion wahrgenommen werden kann.

english version
there there

A light and watery turquoise superimposes green and grey layers of colour. An undefined form appears in the middle. Like most of Christiane Bergelt’s new paintings, the paper work ‘downwards’ explores the motif of water from different perspectives. Rather than concrete representation, her paintings refer to natural movements in flux. Similar to Heraclitus’ aphorism ‘everything flows’, they resist stagnation.

Areas of colour are not separated meticulously in her abstract paintings, but they leak in to other colours or spill over the papers’ empty, white parts. Bergelt paints thin layers of water and oil colours like large smudges or washed-out, blurred spots on top of each other, creating foregrounds and backgrounds. She blurs sharp divisions and lines, and avoids strict borders in the composition of her works. Bergelt’s works on paper avoid stasis through being loosely attached to the wall.

These transgressive and playful strategies become particularly apparent in her series ‘going off’, a group of seven, trapezoidal paper works. These small paintings are composed of strong moss green and black tones which, when contrasted with bright white, suggest themselves as artificial foreign matter that seems to interrupt the silence of moorlands. Similarly, her large paper work ‘forward’ comprises veiled, iconographic references to nature and waterscapes in its selection of colours and their application. The painting remains indefinite in form, evoking distant outlines and objects. As in many of Bergelt’s works the human body is the motive and the point of departure.

The aesthetic of water is not only conveyed through titles and painterly methods, it also reflects the process-based aspect of Bergelt’s artistic practice. She arranges colours and forms mostly as a result of intuition and as a reaction to the paintings’ details, context or surroundings. Her brushstrokes continue a movement of searching, tracing moods and changing directions with each new gesture.

An exchange with the poet Judith Nika Pfeifer came about as a result of creating the catalogue for Christiane Bergelt’s solo exhibition, ‘there there’. Bergelt mailed images of her paintings, photos and music to Pfeifer, who responded with a selection of texts. In turn, Bergelt assigned the texts to her images and used the dialogue to experiment with conscious and unconscious decision-making processes. For this reason, Bergelt’s and Pfeifer’s reactions are not translations from one media to the other, but, instead, unique interventions: an associative space that withdraws itself from definition, only being perceptible as lyrical abstraction.
The exhibition is accompanied by a booklet.

ANNA-LENA WERNER, Januar 2014

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DIE ASYMMETRIE DES HERZENS


Die Welt des Lebendigen ist in Symmetrien aufgebaut. Zumindest lässt sich dies in den meisten Fällen über das Gerüst und die äußere Erscheinung von Lebewesen aller Art sagen. Aber bei aller oberflächlichen Symmetrie der wir begegnen ist doch das, was das Lebendige, “Eigen-Willige” ausmacht, eher die Abweichung von derselben. Diese findet sich zum Beispiel bei der leichten Asymmetrie unseres Herzens und der unserer Gesichtshälften – aber auch wenn wir unser eigenes Gebiss betrachten wird augenfällig, dass die symmetrische Anlage viele Unregelmäßigkeiten aufweist. Da der Mensch diesen Gesetzmäßigkeiten der organischen Organisation unterworfen ist, fühlt er sich, wo immer sie auftauchen, auf geheimnisvolle Weise zu ihnen hingezogen, mit ihnen verbunden.
Christiane Bergelts neue Arbeiten weisen eine überraschende Häufung dieses Prinzips auf, deren Herkunft sich auf den ersten Blick nicht erschliessen lässt. Blickt man allerdings auf ihre künstlerische Entwicklung der letzten Jahre, so finden sich folgende Hinweise im chronologischen Ablauf:

... komplexe Verdichtungen in eigenwilligen, aus dem Dunklen gearbeiteten Bildkompositionen, ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kunst ...

... flächige, grafische Arbeiten, in fragender Reduktion, gespeist durch einen fremden Moloch...

... sattes Grün und Blau in symmetrisch aufgebauten Bildern, aus dem Weiß gearbeitet, inspiriert durch das Erleben animistischer Naturräume ...

Christiane Bergelts Malerei ist von keinem festen Motiv oder Stil geprägt, sondern vielmehr ein Prozess des Übersetzens, gespeist durch ihre Neugier auf die Welt. Bilder, die offen und beweglich erscheinen, ein Spiegel des Erfahrenen – und in den aktuellen Arbeiten – eine Spiegelung ihrer Auseinandersetzung mit dem Naturraum, in dem sie derzeit lebt. Die Bilder, die selbst fast alle einen Naturaspekt abbilden, lassen diesen in einem symmetrischen Gerüst erwachsen, das dann, im Detail, ins Asymmetrische übergeht.
Aufgetragen sind diese Arbeiten auf verletzlich wirkende Träger aus Papier, die selbst ein Eigenleben zu haben scheinen. Mal Körper bildend, mal gefaltet und gehängt, mal auf Keilrahmen gespannt, sind sie keine festgeschriebenen Statements, sind nicht für die Ewigkeit gemacht – vielmehr scheint die Künstlerin ihnen eine Eigenständigkeit zuzugestehen und das Verletzliche der Endlichkeit.

SIMONA KOCH, April 2013